Konzeptionstag Modul I 21.05.2005, 19.00 bis 21.00 Uhr
Anwesende: Patricia, Kirsten, Sonia, Meike, Jan, Rossi, Maria-Ines, Maria, Elke, Frank, Uschi, Rosalia
In Diskussion und Zusammenarbeit angeleitet von Patricia.
Historischer Überblick
Der Thüringer Lehrer Friedrich Fröbel gründete den ersten Kindergarten in Bad Blankenburg 1840. Den Namen wählte er, da das Kind wie eine Pflanze heranwachsen soll. 1851 bis 1860 wurde der Kindergarten in Preußen verboten. Später wurde auch in den USA der erste Kindergarten (mit deutschem Namen) eröffnet, weshalb dort auch heute noch die erste Klasse der Grundschule Kindergarten heißt -- das, was man in Deutschland Kindergarten nennt, heisst in Amerika allerdings preschool.
Fröbel führte die "Freiarbeit" in die Pädagogik ein. Die von ihm entwickelten Spiel- und Lernmaterialien sind auch heute noch anerkannt. Fröbels Werk geniesst ein weltweit (z.B. in Japan, den USA, in Korea, Russland und in ganz Europa) hohes Ansehen und wird wissenschaftlich vielfältig untersucht und auch angewendet. Populär sind heute beispielsweise noch immer die von ihm entwickelten pädagogischen Grundformen. Die dreidimensionale Form (Kugel, Zylinder und Würfel) sind nach wie vor beliebte Formen für Kleinkinder-Spielzeug (und zieren heute, nebenbei bemerkt, als Logo viele Kindergärten und Schulen). Die zweidimensionale Form (Kreis, Viereck, Dreieck) ist heute beispielsweise auf jedem Playstation-Bedienelement zu finden (auch wenn deren erzieherischer Wert umstritten ist).
Diskussion 70er Jahre und heute:
Entscheidener Auslöser kam von aussen (Spunik-Schock; PISA)
Wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit
VWL: Bildung als Rohstoff
Gesellschaftliche Ungleichheit: 1967 Erschliessung von Bildungsreserven(kath. Mädchen-Gym)
Heute: nicht um Erhöhung, sondern die Förderung der Kinder und Jugendlichen steht im Mittelpunkt
Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16./17. März 1967: Einigung auf eine Reform, die es den zukünftigen Absolventinnen der Fachschulen für Sozialpädagogik ermöglichen sollte, als Fachkräfte in unterschiedlichen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern tätig zu werden: neben Krippe, Kindergärten, Hort auch die Heimerziehung und die Kinder- und Jugendarbeit- ein damals neu geschaffener Beruf. Spezialausbildung zur Kindergärtnerin wurde vor 38 Jahren in eine Breitbandausbildung umgewandelt, da der Mangel an sozialpädagogischen Fachkräften so ausgeprägt war.
Nahezu zeitgleich entstanden an Fachhochschulen Studiengänge der Sozialpädagogik/Sozialarbeit
Intensive Diskussion um die Vorschulerziehung hatte die Reformierung von Kindergärten zur Folge und die Schaffung von Universitätsprofessuren
Bildungspolitische Debatte um die Zukunft der Kindergärten:
z.B. Streit um die Fünfjährigen: der Ruf nach Chancengleichheit wurde in die Kindergärten transportiert mit Beitrag zur Unterstützung kindlicher Bildungsprozesse; Kinder früher einschulen oder Vorschule?
Historische Betreuungsmodelle der 50er bis 70er Jahre, die eine Halbtagsbetreuung (nur vormittags, oder vormittags und nachmittags mit Mittagspause) vorsahen, entsprachen nicht mehr den Bedarfslagen (§22 Abs,2)
Reformschub: Institutionalisierung der Vorschulerziehung an Universitäten, Schaffung sozialpädagogischer Studiengänge an Fachhochschulen und erhöhte Erwartungen an die Förderung kindlicher Entwicklungsprozesse blieb die Ausbildung der gerade erst neu geschaffenen „Staatlich anerkannte Erzieherin“ strukturell weitgehend ungerührt.
KJHG
Jugendhilfepolitisch
Die besonderer gesellschaftliche Situation der Kinder zu analysieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Sozialpolitisch
z.B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wachsende Zahl der Alleinerziehenden, Arbeitslosigkeit, Aussiedler, Flüchtlinge
Bildungspolitisch
Der Kindergarten wird als Elementarbereich des Bildungswesen angesehen.
Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz
Der Bundesgesetzgeber hat zunächst vor den Finanzinteressen der Länder kapituliert. Hessen hat die gesetzliche Regelung für einen Kindergartenplatz nicht novelliert. In § 26 geregelt. § 24 vom 27.07.1992 ( in Kraft 5.8.1992) Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Inhaber des Rechtsanspruches ist das Kind und zwar zum vollendeten dritten Lebensjahr. Das Abstellen auf eine Stichtagsregelung als Eintrittsdatum, statt sich am individuellen Geburtstag des Kindes zu orientieren, steht im deutlichen Widerspruch zum Gesetzeswortlaut. Zeitlich begrenzt ist der Rechtsanspruch bis zum Schuleintritt.
§ 22
Grundsätze der Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen
1) In Kindergärten, Horten und anderen Einrichtungen, in denen sich Kinder für einen Teil des Tages oder ganztags aufhalten /Tageseinrichtungen, soll die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gefördert werden.
2) Die Aufgabe umfasst die Betreuung, Bildung und Erziehung des Kindes. Das Leistungsangebot soll sich pädagogisch und organisatorisch an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien orientieren.
3) Bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben sollen die in den Einrichtungen tätigen Fachkräfte und anderen Mitarbeiter mit den Erziehungsberechtigten zum Wohl der Kinder zusammenarbeiten. Die Erziehungsberechtigten sind an den Entscheidungen in wesentlichen Angelegenheiten der Tageseinrichtung zu beteiligen.
Bildungsbegriff
In den siebziger und achtziger Jahren (68-Generation) schien der Bildungsbegriff in den Erziehungswissenschaften verpönt.
Durchgesetzt in der Diskussion 70er Jahre:
Eine sozialpädagogische Konzeption, die dem Kindergarten eine konzeptionelle und institutionelle Eigenständigkeit gegenüber der Schule sicherte.
Situationsansatz: der damals im Arbeitsbereich Vorschulerziehung des deutschen Jugendinstitutes unter Leitung von Jürgen Zimmer entwickelt wurde. Grosser Einfluss in den letzten 30 Jahren
Sich an den Lebenssituationen der Kinder und ihrem Anliegen und Kompetenzen zu orientieren
Alltagserfahrungen zum Ausgang von Lernprozessen zu nehmen
Mitwirkung der Eltern am geschehen der Kindertagesstätten
Einrichtung öffnen zum Gemeinwesen
Jean Piaget: die Entwicklungspsychologie war noch vor fünfzehn Jahren vom Konstruktivismus geherrscht.
Nach der Theorie von Piaget, vor rund fünfzig Jahren, bilden sich im Kopf des Kindes allmählich logische und mathematische Fähigkeiten heraus, indem es die Regelmäßigkeiten der Aussenwelt verinnerlicht. Der Organismus ist zu Geburt mit einfachen Möglichkeiten der Wahrnehmung und Motorik (fünf Sinne) ausgestattet und mit einem allgemeinen Lernmechanismus, der sich selbst organisiert, indem er sich in immer größerem Maß die Wechselwirkung des Subjekts mit seiner Umwelt zunutze macht.
Piagets Ergebnisse (Blumen, Rosen: keine Mengenlehre; Gläser und Flaschen Mengenerhaltung verletzten; Mangel an Objektpermanenz : Glas unter Decke bei Babys keine abstrakten und vergänglichen Eigenschaften von Zahlen) haben unser Erziehungssystem stark beeinflusst. Seine Folgerungen haben zu einer pessimistischen Einstellung und bei Pädagogen eine abwartende Haltung begünstigt. Die Theorie behauptet, das normale Erklimmen der Stufen Piagets laufe stets gleich ab. Ein Kind sei vor dem Alter von sechs oder sieben Jahren noch nicht bereit zu rechnen, und deshalb könne allzu früher Rechenunterricht vergeblich oder sogar schädlich sein. Nach Piaget ist es am besten, zunächst Logik und die Beziehung zwischen Zahlen zu lehren, weil diese Begriffe eine Vorbedingung für die Aneignung des Zahlbegriffs sind.
Piagetsche Irrtümer: nach Stanislas Dehaene: Der Zahlensinn, oder Warum wir rechnen können
- je nach Motivation der Kinder und je nach Situation fallen die Versuchsergebnisse unterschiedlich aus; wurden den Kindern die richtigen Fragen gestellt? (Murmelversuch, Bonbons)
Fröbel, Montessori, Vygotzki: entwicklungsorientierte Ergebnisse, kindzentrierte und auf Spiel begründete Pädagogik, die das ganze Kind im Blick hatte. (Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie)
Defizit und Differenz
Breite Bildungsdiskussion heute: Forderung nach präziser Fassung des Bildungsbegriffes für Kindergärten
Defizit: Sprache und Kultur der Arbeiterschicht sei minderwertig, einseitige Anpassung der Arbeiterkinder
Differenz: unterschiedliche, im Prinzip aber gleichwertige Sprach- und Lebensformen; statt ganze Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren, solle die Gleichwertigkeit ihrer spezifischen Alltagskultur anerkannt werden
Unterschied zu heute: 70er Jahre: gesellschaftliche Funktion der Sprache als Beitrag zur Stabilisierung von sozialer Ungleichheit im Vordergrund, Perspektive der Kinder spielte kaum eine Rolle
Pädagogische Praxis greift es heute mehr auf, aber immer noch: monolingual
Paulsche Bildungsbegriff: verstehen wir gerade im Elementarbereich und der Grundschulpädagogik das Erlernen von Kompetenzen im Umgang mit einer zunehmend komplexer werdender Umwelt.
Wir entwickeln Basiskompetenzen und stellen Werte in den Mittelpunkt unseres Kindergartenplans.
Ein breit gefächertes Basiswissen mit den Kindern und bei den Kindern aufzubauen, damit sie Orientierung in der immer stärker werdenden Informations- und Wissensfülle erhalten, um sich damit jederzeit Fach- und Spezialwissen aneignen zu können.
Bei uns steht demnach nicht der reine Wissenserwerb im Vordergrund, sondern der Erwerb von Lernkompetenz.
Es geht also mehr darum zu lernen, wie man lernt und sein eigenes Wissen organisiert., um Problemsituationen zu lösen und zwar auf eine sozial verantwortliche Weise.
Individuellen Förderung und Prozess der Kinder. Das Kind bildet sich in erster Linie selbst. Dies bedeutet das Erkennen und darauf aufbauend das Fördern der individuellen Begabung.
Diese Förderung verbinden wir mit dem Ziel den natürlichen vorhandenen Spass am Lernen zu erhalten und auszubauen. Sich Bildung und Wissen anzueignen macht Spass, es ist lustvoll, aktiv, sinnlich und sozial.
In unserem Kindergarten soll sich das Kind mittels seiner angeborenen Neugier die Umwelt aneignen. Um sich diese Bildung anzueignen, benötigt ein Kind
Beziehung,
Bewegung,
Freiräume,
Erfolgserlebnisse,
andere Kinder – auch in ihrer Vorbildfunktion,
Werte und Überzeugungen.
Bildung als sozialer Prozess: neben den Erziehern auch Eltern und Erwachsene sind aktiv am Bildungsprozess beteiligt.
Da jeder Mensch mit unterschiedlichen Schwächen und Stärken ausgestattet ist, ist es unsere Aufgabe, diese Stärken zu finden und jedem Kind die Möglichkeit zu geben, diese Stärken auszubauen. Um dieses zu leisten, bieten wir jedem Kind die grösstmöglichen Freiräume für seine Entwicklung. Aufmerksamkeit wird auch auf die Unterschiede gerichtet, ohne diese zu werten. Unterschiede werden als Quelle von Bereicherung und stabile Grundlage für zukünftige Erfolge betrachtet.
Stärkung der Selbstkonzepts, des Selbstwertgefühls, der Selbstregulationsfähigkeit, die Entwicklung von Selbstvertrauen, interkulturelle und sprachliche Kompetenz
Theoretischer Bezugsrahmen
Wie lässt sich eine individuelle Begabung erkennen? Andres und Laewens vom Berliner Institut für angewandte Sozialisationsforschung/frühe Kindheit e.V. (www.infans.de) geben ein theoretisches Rahmenkonzept vor, in dem sie die Intelligenzen eines Menschen in sieben Bereiche gliedern:
sozial,
sprachlich,
musikalisch,
motorisch,
logisch-mathematisch,
praktisch
wissenschaftlich.
Diese Bereiche werden in unserem Kindergarten angeboten, damit wir erkennen, wo die Begabung des Kindes liegt, und dem Kind eine individuelle Förderung anbieten können.
Ziel ist es die individuelle Begabung als Teil der Gemeinschaft zu begreifen.
Voraussetzungen für effektives Lernen sind, belegt durch Erkenntnisse der Neurowissenschaft (www.uni-ulm.de),
Spass am Lernen
Bewegung
Emotionen
Wiederholung
Interaktion mit anderen Kindern
der Gruppe und dem Personal.
Schemata
Pädagogische Umsetzung
Tagesstruktur
Keine festen Gruppen
Morgenkreis, Mittagszeit Kontakt zur Bezugsperson
Kursangebote
keine fachspezifische Ausrichtung als Erzieherin,
Erzieherin hat mehr Zeit für Beobachtung und Dokumentation
Rationale Sprache, nicht-rationale Kommunikationstechniken: bildnerische, musikalische, mimische, gestische und tänzerische Ausdrucksformen können Informationen transportieren, die sich in rationaler Sprache nur schwer fassen lassen.
(differenzierte Entwicklung kognitiver Funktionen hängt wesentlich von den Kommunikationsfähigkeiten und –möglichkeiten der Kinder ab. Autismus: kann Mimik und Gestik nicht dechiffrieren. Wolf Singer)
Spracherwerb
Jede Situation wird als Spracherwerb/Unterstützung verstanden
Bilingualität eingebettet in das bildende Konzept.
Deutschland – monolingual
Mehrsprachigkeit: orientiert sich an den Entwicklungsprofilen und Kompetenzen von mehrsprachig aufwachsenden Kindern
Mehrsprachigkeit: Kinder lernen codes (Sprachregister) situativ und kulturell. Sprachlich-kulturelles Selbstbewußtsein heisst: diese codes zu erkennen, sich darin bewegen und ausdrücken, wechseln der Sprachregister (deutsch/ital)
Sprache ist konkrete inter-kulturelle Erfahrung: Neugierde und Offenheit gegenüber fremden Sprachen sind wesentliche Merkmale von interkultureller Kompetenz.
„Kulturkonflikte“ als Entwicklungschance, Migrantenkinder, aber auch: Wochenende beim Vater, Wochenendhaus: mit Widersprüchen umgehen lernen, ist heute eine Entwicklungsaufgabe für alle Kinder. Konflikte dürfen nicht tabuisiert werden und Widersprüche zugelassen werden.
Kulturelle Aufgeschlossenheit ist bei uns die Schlüsselkompetenz für ein gelingendes Zusammenleben.
Fremdheitskompetenz: die eigene Sichtweise ist eine unter vielen
Sensibilität für Stereotypen,
Vorurteile,
negative Diskriminierung: Anti-Bias-Ansatz
Je mehr sprachliche Anregungen Kinder in ihren verschiedenen Sprachen erhalten, desto besser werden sie auch Deutsch lernen. (Wichtig: Beobachtungsbögen: typische Fehler von Kindern beim Erwerb der Deutschsprache als Zweitsprache sind im Sinne einer Zwischengrammatik eine normale Übergangsphase, Phänomen der Sprachtrennung, Bedeutung und Normalität von Sprachmischung bzw. Sprachwechsel
Welche Einstellung Kinder zu anderen Sprachen und zu ihrer eigenen Familiensprache entwickeln, hängt u.a. von ihren Bezugspersonen ab. (z.B. keinen öffentlichen Platz haben)
Englischkurs: hier geht es im eigentlichen Sinne um eine Erweiterung von Lernchancen und Erfahrungsmöglichkeiten
Langfristige Sprachlernmotivation und die Entwicklung von Sprachkompetenz sind bei Kinder in der Regel auf authentische Sprachanlässe gebunden.
Bewegung

